Meine Dissertation an der Uni IBK hat zukünftige Care-Leaver beforscht, konkret 26 Jugendliche von zwölf bis zwanzig Jahren, die sich in einer Einrichtung öffentlicher Erziehung und an der Schwelle zum Übertritt in ein selbstständiges Leben befanden. Der multimethodische Zugang der Arbeit erlaubte es, erstmals die Bedingungen des Care-Leaving in der autonomen Provinz Südtirol zu erfassen sowie Einblicke in das implizite Orientierungswissen zukünftiger Care-Leaver zu gewinnen. Die Verknüpfung der Analyse gesetzlicher und institutioneller Rahmenbedingungen mit konkreten Fallvignetten und Erfahrungen von ExpertInnen im Kinder- und Jugendhilfe-Kontext zeigte deutlichen Handlungsbedarf bezüglich des Erstellens einer Care-Leaver-Policy, die die Thematik der Care-Leaver berücksichtigt und Systemanpassungen vornimmt, um Care-Leaver im Sinne einer verbesserten Chancengleichheit zu stützen. Der gruppenbezogene und prospektive Zugang zu den AdressatInnen, welcher mithilfe der dokumentarischen Methode der Interpretation von Gruppendiskussionen (nach Ralf Bohnsack) geleistet wurde, ermöglichte Einblick in ein spezifisches Stigma, das mit dem Care-Leaving verbunden ist. Weiters gelang es gruppenbasierte kommunikative Handlungsmuster im Umgang mit dem Paradoxon des Selbstständigwerdens in einer Institution darzustellen, die als ‚transferable skills‘ und Ressourcen über das Unterbringungssetting hinaus in die Selbstständigkeit verweisend gewertet werden können. Die Daten, anhand derer die Jugendlichen individuell in den Blick genommen werden (Kartenabfragen, bildbasierte und sozialräumliche Methoden), legen spezifische Schlüsse für eine verbesserte Angebotsgestaltung nahe, die in der Arbeit bezogen auf die sozialpädagogische, adressatInnenbezogene Praxisforschung der Kinder- und Jugendhilfe, und bezogen auf zuvor in der konkreten sozialpädagogischen Praxis der Einrichtung erarbeitete Bewertungskriterien diskutiert werden.